Viagra  Stammzelltransplantation der neuesten Art!

Viagra ist hauptsächlich als Potenzmittel bekannt und hat nicht bei allen einen guten Ruf. Dabei kann das Medikament mit dem Wirkstoff Sildenafil noch viel mehr, als die Erektion verbessern. Denn ursprünglich wurde das Mittel bei Bluthochdruck verwendet und für koronare Herzerkrankungen entwickelt. Die Forscher fanden heraus, dass der Wirkstoff die Gefäße im Herzen entspannt und so die Beschwerden lindert. Bei Studien entdeckten die Ärzte zudem, dass männliche Probanden von dem Arzneimittel begeistert waren, denn dieses verhalf ihnen plötzlich zu einer Erektion. Der magische Wirkstoff wurde daraufhin als Mittel gegen Erektionsstörungen getestet. 1998 kam dann Viagra auf den Markt. Im Laufe der Jahre haben Forscher weiterhin herausgefunden, dass das Medikament auch bei anderen Gesundheitsproblemen hilft und lungenschwache Frühchen unterstützt. Bergsteiger schwören auf Viagra, wenn sie sich vor Höhenkrankheit schützen wollen.

Blutstammzellen aus dem Knochenmark lösen

Vor Kurzem haben Forscher eine weitere Anwendungsmöglichkeit des Potenzmittels entdeckt. Und zwar hilft es bei der Stammzelltransplantation. Denn der Wirkstoff hat eine gefäßerweiternde Wirkung. Das wiederum erhöht die Beförderung von Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut. Um blutbildende Zellen zu gewinnen, ist das eine wesentliche Voraussetzung. Für Patienten, die an Leukämie leiden, ist die Transplantation von Blutstammzellen in den meisten Fällen überlebenswichtig.

Die blutbildenden Zellen werden bei gesunden Menschen im Knochenmark produziert. Deshalb benötigten Ärzte viele Jahre lang einen geeigneten Knochenmarkspender. Heute ist keine zwingende Entnahme von Knochenmark mehr notwendig. Wissenschaftler haben einen Weg gefunden, diese Stammzellen aus dem Blut des Spenders herauszufiltern. Dafür werden dem Spender vier bis sechs Tage lang körpereigene Botenstoffe gespritzt. Bekannt sind diese unter dem Namen Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor, kurz GCSF. Sie sorgen dafür, dass sich die Stammzellen aus dem Knochenmark lösen und im Anschluss in das Blut wandern.

Viagra für Stammzellentherapie: Eine Alternative

Das aktuelle Verfahren mit GCSF-Faktor führt nicht immer zu einem Erfolg. Die Spender müssen zudem mit vielen Nebenwirkungen rechnen. Außerdem ist dieser Prozess langwierig und kostspielig. Mediziner suchen deshalb nach weiteren Möglichkeiten, um Stammzellen ins Blut eines Menschen zu befördern. Die an der Universität Santa Cruz arbeitende Forscherin Stephanie Smith-Berdan machte mit ihrem Team eine erstaunliche Entdeckung. Der Wirkstoff Sildenafil des Potenzmittels Viagra scheint die Mobilisierung der Stammzellen zu erleichtern und könnte sich deshalb für die Stammzelltherapie eignen.

Wie sich in diesen Tests zeigte, ist Viagra ideal für die Kombination mit Plerixafor geeignet. Dieser Wirkstoff hat die gleiche Funktionsweise wie der GCSF-Faktor und ist in der Lage, die Wanderung der Stammzellen ins Blut anzuregen. Da es als Einzelwirkstoff aber nicht effektiv genug ist, testete Stephanie Smith-Berdan diesen Stoff zusammen mit Viagra. In einem ersten Versuch an Mäusen zeigte sich, dass Plerixafor zusammen mit Viagra die Stammzellen im Blut um ein Vielfaches erhöht. Bei einer einmaligen Anwendung hatten die Mäuse bereits über 2.500 Stammzellen im Blut, was einem 7,5-fachen Anstieg entspricht.

Klinische Studien fehlen noch, doch Verfahren ist effektiv

Wie das Team von Smith-Berdan betont, ist die Kombination dieser beiden Wirkstoffe fast so effektiv wie die mehrtägige GCSF-Behandlung. Zudem hat sie weniger Nebenwirkungen und lässt sich in wenigen Stunden durchführen. Smith-Berdan sagte: „Die Ergebnisse zeigen ein wirkungsvolles Behandlungsregime mit zwei bereits zugelassenen Medikamenten“. Die Forscher hoffen, dass durch diese unkomplizierte und schnelle Methode mehr Menschen motiviert werden, eine Stammzellspende durchzuführen „Die Zahl der Patienten, die in Zukunft von einer Knochenmarkspende profitieren würde, würde signifikant ansteigen“.

Diese Entdeckung hat noch weitere Vorteile. Denn das aktuelle Verfahren mit GCSF-Faktor wird auch in anderen Bereichen angewendet. Doch viele kranke Menschen vertragen diese Behandlung nicht. Besonders Patienten, die an einer erblichen Erkrankung der roten Blutkörperchen, der Sichelzellanämie, leiden, können mit dem GCSF-Botenstoffen schwerlich behandelt werden. Durch die Forschung von Smith-Berdan könnten die betroffenen Patienten in Zukunft therapiert und eventuell geheilt werden. Unter anderem, indem ihnen mit der Medikamentenkombination Blutstammzellen entnommen werden, die dann genetisch verändert und im Anschluss wieder transplantiert werden.

Ausblick in die Zukunft: Weitere Untersuchungen geplant

In der Zukunft sind weitere Untersuchungen und klinische Studien geplant, die eine Behandlung mit Viagra zusammen mit Plerixafor als wirksam bestätigen sollen. Bisher gab es lediglich Tests an Mäusen. Ob die beiden Medikamente beim Menschen die gleiche Wirkung erzielen, ist also noch nicht klar. Viagra kann die hohen Erwartungen der Medizin erst standhalten, wenn die klinischen Studien abgeschlossen sind. Die Forscher sind aber positiv gestimmt und glauben, dass die Wirksamkeit bestätigt werden kann. Für die Behandlung vieler Blutkrankheiten wäre das ein bahnbrechender Erfolg. Zudem wäre die Therapie mit weniger Kosten verbunden. Hinzukommt, dass beide Medikamente sowohl in Europa und den USA wie auch in anderen Teilen der Welt schon zugelassen sind. „Derzeit wird viel Forschung betrieben, um neue Wirkstoffe zu finden. Wir haben gezeigt, dass die Umfunktionierung bewährter Medikamente ebenso helfen kann. Außerdem gibt es für die Blutstammzelltransplantation bisher keine geeignete Option“, sagt Smith-Berdan.