Menschen haben mit vielen Krankheiten zu kämpfen. Und immer wieder kommen neue Krankheiten hinzu. Die Pharmazie beschäftigt sich damit, die passende Medizin zu finden, um diese Krankheiten zu lindern und zu heilen sowie generell zu vermeiden. Die Pharmaziegeschichte ist eines der ältesten Lehrfächer im Bereich der Natur- und Wissenschaftsgeschichte. Sie befasst sich mit der Materia Medica was so viel bedeutet, wie die Lehre von Arzneimitteln und Arzneistoffen.

 

Heute sind über 3.000 verschiedene Heilstoffe bekannt, die in unterschiedlichen Arzneiformen und Medikamenten vorkommen. Die Geschichte der Pharmazie beschäftigt sich darüber hinaus mit drei Naturreichen: dem Tierreich, dem Mineralreich und dem Pflanzenreich. Diese drei Bereiche liefern die Mischungen für Arzneimittel. In der früheren Zeit wurden oft kuriose Arzneimittel hergestellt, die gegen viele Beschwerden helfen sollten. Heute ist die Wissenschaft viel weiter und nicht alle Heilmittel finden noch in dieser Zusammensetzung eine Anwendung. 

 

Woher stammen die ganzen Wirkstoffe?

 

Wissenschaftler nehmen an, dass die Heilkräuter und Hausmittel unter den angebauten Pflanzen gefunden wurden. In den Anfängen, als der Mensch rund 10.000 vor Christus zum Anbau von Nahrungsmitteln überging, wurden in den Pflanzen heilende Wirkungen erkannt, die von Mensch zu Mensch mündlich weitergegeben wurden. In der Antike waren die Menschen der Überzeugung, dass die Krankheiten Strafen der Götter waren, die neben Heilmitteln durch Opfergaben, Gebet und Reinigung wieder geheilt werden könnten. Medikamente wurden damals vor allem in pulverisierter Form hergestellt und lokal angewendet. Der Begriff Pharmakon, der heute ganz allgemein gebraucht wird, um Medikamente zu bezeichnen, stand damals für Präparate, die zur Magie, Heilung oder als Gift benutzt wurden.

 

Wie hat sich die Pharmazie entwickelt?

 

Die Anfänge der Pharmazie finden sich in der Antike sowie dem byzantinischen und arabischen Kulturkreis. Sie sind zum großen Teil für die weitere Entwicklung der abendländischen Pharmazie verantwortlich und bestimmen die Medizin bis heute in vielen Bereichen. Die Heilkunde verlagerte sich nach dem Ende des römischen Reiches in die Klöster, wo Heilstätten von Mönchen und Nonnen betrieben wurden. Die Mönche und Nonnen waren in der Heilkunde sehr gebildet und waren wie ein Arzt tätigt. Sie konnten aber auch gleichzeitig die Arznei selbst herstellen. Als sich ab dem 12. Jahrhundert immer mehr Städte formten, wurde es notwendig, innerhalb der Stadtmauern Orte für die Heilung und Pflege zu schaffen. Es wurden erste Gesundheitswesen entwickelt und die ersten Apotheken gegründet. Bei diesen handelte es sich zuerst um besondere Gewürz- und Kräuterhandlungen, die sich aufgrund gesetzlicher Regelungen später ausschließlich dem Arzneihandwerk verschrieben.

 

Gesetzliche Grundlagen für die Pharmazie

Das erste umfassende Gesetz mit Regelungen für die Pharmazie stammt von Kaiser Friedrich II, der 1231 auf einem Hoftag in Italien Konstitutionen verkündigte, die unter dem Namen Liber Augustalis bekannt sind und nicht nur das öffentliche Leben regulierten, sondern auch Einträge zu Apothekern und Ärzten umfassten. Es handelte sich dabei um die erste Gesetzgebung im Bereich des Apothekenwesens. Dank dieses Regelwerks konnte sich das Apothekenwesen weiterentwickeln. Erste öffentliche Apotheken im deutschsprachigen Raum fanden sich ab dem 13. und 14. Jahrhundert in wichtigen Handelsstädten wie Mainz, Nürnberg, Köln, Heidelberg oder Basel. In diesen Jahren folgten weitere Apothekengesetzgebungen wie der "Nürnberger Apothekereid“. Ab dem 16. Jahrhundert hatte dann jede größere Stadt Apotheken. Sie waren ab diesem Zeitpunkt eine unverzichtbare Institution in der Gesundheitspflege. Die Apotheker galten als angesehene Bürger, die häufig auch Ratsmitglieder und Patrizier waren.

 

Erste chemische Arzneimittel

 

Das alte, heilkundige Wissen der Antike und des arabisch-islamischen Kulturraums bestand zum Großteil aus Arzneimitteln, die sehr viele Einzelstoffe enthielten. Doch mit der Zeit gab es immer mehr Naturwissenschaftler, die an der Produktion von chemischen Arzneimitteln arbeiteten und mit den geltenden Konzepten der antiken Heilkunde brachen. Der erste, der das tat, war Paracelsus. Er führte neue chemische Mittel in die Medizin ein. In der Folge gab es in den Apotheken eigene Apothekenlabors, wo mithilfe von Gerätschaften neue Arzneimittel entwickelt wurden. Zudem wurde mit zunehmender Bedeutung der Naturwissenschaften der bisherige Heilansatz kritisch betrachtet. Im 18. Jahrhundert verschwanden innerhalb weniger Jahrzehnte mehr als zwei Drittel der bis dato vermerkten Rezepturen aus den Arzneibüchern.

 

Morphin machte den Anfang für die Pharmaindustrie

 

Der Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner entdeckte die erste Pflanzenbase, welches er als Morphin bezeichnete. Bald darauf wurden weitere Alkaloide gefunden. Sie stellten die Weichen für ein modernes Apothekenwesen. Denn die Gewinnung dieser Wirkstoffe, mit denen exakt dosiert werden konnte, war in der Herstellung für die Apotheken zu aufwendig. So entstanden erste Pharmaunternehmen, die diese Arbeit übernahmen und sich ausschließlich auf die Produktion dieser Wirkstoffe konzentrierten. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden in diesen Unternehmen dann auch fertige Arzneimittel hergestellt.

 

In den darauffolgenden Jahren sank die Zahl der in der Apotheke gefertigten Arzneimittel auf einen verschwindend geringen Prozentsatz herab. Das Monopol für Herstellung von Medikamenten ging an die pharmazeutische Industrie über. Seitdem wird in der Apotheke nicht mehr hergestellt, sondern werden die Arzneimittel sachgerecht gelagert und die Patienten beraten.  Lediglich die Produktion von bestimmten Salben, Tropfen und Teemischungen erfolgt bis heute in den Apotheken.

 

Arzneimittel heute

 

Moderne Arzneimittel gibt also seit rund 100 Jahren. Seither wurde die Pharmaforschung dank neuer Technologien stark verändert. Trotzdem geht es weiter darum, weitere Substanzen zu entdecken, die zu Medikamenten führen, die bestimmte Krankheiten heilen können, für die es noch keine passenden Heilmittel gibt. Das Startzeitalter der modernen Medikamentenforschung begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Neben der Weiterentwicklung von Antibiotika ging es vornehmlich darum, Neurotransmitter, Peptide und Steroidhormone systematisch und strukturell abzuwandeln und zu erforschen. Dies führte zu zahllosen neuen Wirkstoffen. Heute ist die Pharmazie soweit, dass sie im menschlichen Körper Drug Targets aufspüren kann. Dabei handelt es sich um Biomoleküle, die bei der Entwicklung von Krankheiten eine wichtige Rolle spielen und bei der Herstellung von zukünftigen Arzneistoffen nützlich sind.

 

Die Forscher arbeiten im Screening daran, Substanzen gezielt zu identifizieren, um herauszufinden ob diese bestimmte Targets aktivieren oder hemmen. Mittlerweile sind mehrere Millionen solcher Substanzen in gigantischen Wirkstoffbibliotheken gespeichert. In den Pharma-Unternehmen werden die Stoffe auf ihre Wirksamkeit hin getestet. Diese Tests bezeichnet man als „in vitro“ Tests. Ausgeführt werden diese Tests von Robotern, die mehr als 10.000 Analysen täglich erledigen können. Anschließend muss ein Wirkstoff nicht nur im Labor, sondern in einer präklinischen Prüfung auf Unbedenklichkeit und Wirksamkeit überprüft werden. Untersucht werden der Metabolismus, die Elimination, die Adsorption und die Distribution an lebenden Organismen. Menschen testen aber diesen Wirkstoff noch nicht. Dazu muss der neu entdeckte Wirkstoff erst zu einer passenden Arzneiform verarbeitet werden. Anschließend können Menschen den Wirkstoff testen. Diese klinische Prüfung untergliedert sich in verschiedene Phasen.

 

Wie lange dauert die Herstellung eines neuen Medikaments?

 

Um ein neues Medikament zu entwickeln, benötigt man im Schnitt 10 bis 15 Jahre. Das kostet natürlich viel Geld. Pro Medikament fallen Schätzungen zufolge rund eine Milliarde Euro an Kosten an. Die Zeit der Entwicklung ist deshalb so lange, weil in zahlreichen Testverfahren bestimmt werden muss, ob die Wirksamkeit gegeben und das Medikament ungefährlich in der Anwendung ist. Diese Verfahren sind streng reguliert. Das ist der Grund, dass bei 5.000 getesteten Arzneimitteln nur jeweils fünf Medikamente am Menschen erprobt werden. Von diesen fünf Substanzen werden im Anschluss nur 1 bis 2 Arzneimittel zugelassen, die hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit den hohen Anforderungen entsprechen.

 

Wissenswertes über die Pharmazie

 

Interessanterweise hat in der Geschichte der Pharmazie der Zufall eine wichtige Rolle gespielt. Zum Beispiel wurden die Narkotika, unter anderem Lachgas und Ether entdeckt, als man herausfand, dass Besucher, bei den im 19. Jahrhunderts beliebten Schnüffel-Partys keine Schmerzen hatten, auch nicht, wenn sie verletzt waren. Die skurrile Idee, Ethylcarbamat als Narkotikum zu verwenden, führte dazu, dass eine neue Wirkung des Mittels entdeckt und damit das erste Schlafmittel hergestellt wurde. Phenolphthalein, ein Säure-Basen-Indikator sollte im österreichisch-ungarischen Reich dazu verwendet werden, verfälsche Weine zu markieren. Bei der Prüfung des Mittels bemerkte man eine abführende Wirkung. Bisacodyl ist ein Folgeprodukt dieser tollen Zufallsentdeckung. Natürlich gibt es noch viele weitere Beispiele, wie Warfarin, das eigentlich ein Rattengift war und später in der Therapie zur Anwendung kam.

 

Bis heute ist die pharmazeutische Forschung auf zufällige Entdeckungen der Wirksamkeit angewiesen. Und was viele nicht wissen: Noch immer werden 60 bis 70 Prozent der Wirkstoffe aus natürlichen Substanzen abgeleitet und immer wieder finden Forscher weitere, neue Inhaltsstoffe, die aus Pflanzen stammen, wie z.B. das aus dem Cannabis stammende CBD oder das für die Krebstherapie verwendete Taxol, welches aus einer Baumrinde isoliert wird. Auch in Tieren werden neue Substanzen gefunden. Zum Beispiel ergab die Speichelanalyse der Gila Krustenechse, dass der Speichel auf die Rezeptoren der menschlichen Bauchspeicheldrüse positive Wirkungen hat. Im Jahr 2006 wurde ein Medikament mit dem tierischen Speichelwirkstoff entwickelt, welches nun erfolgreich Typ II Diabetikern verschrieben wird.

 

Ausblick und Prognosen der Pharmazie

 

Die Prognosen für die Pharmaindustrie stehen nicht schlecht. Die globale Pharmabranche schaut mit Optimismus auf die kommenden Jahre. Alleine in Deutschland könnten in diesem Jahr noch rund 30 Medikamente mit neuen Wirkstoffen auf dem Markt eingeführt werden. Für Patienten verschiedenster Krankheiten wird es also stetig neue Fortschritte bei den Behandlungsmöglichkeiten ihrer Beschwerden geben. Und sicher wird auch die Entwicklung von chemischen Wirksubstanzen und genveränderten Bakterien und Zellen weiter forciert werden. Die Pharmazie ist ein breites Feld und die Forschung steht hier noch immer am Anfang. Hier darf man sicher noch die eine oder anderer überraschende Entdeckung erwarten, zumal der Bedarf, Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder AIDS zu heilen, sehr hoch ist. Für Pharmazeuten ist das auf jeden Fall ein sehr faszinierendes Aufgabengebiet.

 

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