Das alchemische Symbol der Pharmazie: Die Schüssel von Hygeia

Übersetzt aus dem Englischen und neu aufgesetzt von Katharina Groß - 2019

 

Medizin und Pharmazie sind Zwillingsseelen. Sie sind voneinander abhängig und können nicht wirklich getrennt werden. Das, was von der Medizin erkannt wird, wird von der Apotheke geheilt. Doch wenn die medizinische Diagnose einmal schlecht ist, wird die pharmazeutische Behandlung ebenfalls schlecht sein. Manchmal machen Mediziner auch den Fehler, einen guten Apotheker zu korrigieren. Dabei ist die Welt der Pharmazie bis zur letzten Station im Leben eines Menschen enorm wichtig. Ihr magisches Wissen kann Menschen retten oder sie verfluchen. Doch die modernen Apotheker werden leider nicht mehr so anerkannt, wie es eigentlich sein sollte.

 

Das Symbol der Apotheker

 

Das Symbol der Apotheke ist die Schlange. Warum ist das so? Natürlich ist sie nicht das einzige Symbol der Pharmazie, aber das bekannteste. (Es gibt noch andere klassische Zeichen wie den Mörser, die Globen und Rx-Symbole). Die Schlange ist dominant und als Symbol von jedem Menschen erkennbar. Die einfachste Erklärung, warum dieses Tier als Kennzeichen der Pharmazie verwendet wird, ist das Schlangengift, welches als Gift oder Heilmittel angewendet werden kann. Aber es ist nicht die einzige Definition. Denn wer genauer hinsieht, erkennt, dass die Schlange um einen Stab gewunden ist. Das ist der sogenannte Äskulapstab.

 

Äskulap war in der griechischen Mythologie der Gott der Heilkunde. Schlangen wurden zu dieser Zeit als mystisches Wesen angesehen, dass Heilkraft spendet. Der Gott Äskulap war aber nicht der einzige Gott mit Schlange, der für Gesundheit stand. Auch Hygieia, die eine Tochter von Asklepios war, galt als Göttin der Medizin und Apotheker. Ihre Schwester Panakeia war ebenfalls Göttin der Gesundheit und Zauberei. Dargestellt wird Hygieia mit einer Schüssel, aus der eine Schlange trinkt. Das heutige Wort Hygiene wurde von ihrem Namen abgeleitet. Dass die Schlange, der Stab und die Schale bis heute ein Symbol für Gesundheit und Medizin sind, ist also nicht weiter verwunderlich.

 

Schlangen galten schon immer als Heilsymbol

 

Trotz dem Fakt, dass Schlangen in der Religion als gefährliches und niederträchtiges Symbol angesehen werden, zeigt sich, dass diese Tiere in der Mythologie schon immer mit Göttern und Heilkräften in Verbindung gebracht wurden. Das Department of Pharmacy der University of Arizona schreibt: „In der Vergangenheit wurde Hygieia oft mit ihrer Schale und einer Schlange gezeigt, die entweder um ihren Arm oder um die Schale selbst gewickelt war.“ Die Schale von Hygieia kann auch die Bibeldarstellungen beeinflusst haben.

 

Denn das Bildnis einer ehernen Schlange auf einer Stange findet sich im Alten Testament. Sie sollte Menschen heilen, die von einer feurigen Schlange gebissen wurden. Sie mussten nur zu der an einem Stab aufgerichteten ehernen Schlange aufsehen. Daraufhin wurden sie geheilt und durfte weiterleben. Kunsthistorische Darstellungen des heiligen Johannes zeigen diesen ebenfalls häufig mit einer Schlange in der Hand. Laut Jared Savage, dem ersten Sommerpraktikanten bei John Wyeth and Company und der American Pharmaceutical Association, basiert das auf der Geschichte, dass dem Apostel ein vergifteter Kelch angeboten wurde. Denn während der Christenverfolgungen sollte Johannes einen Becher mit Gift trinken, da er sich verweigerte heidnische Götzendienste zu leisten. Das Gift im Kelch verwandelte sich in eine Schlange, sodass Johannes trinken konnte, ohne zu sterben.

 

Entstehung der Apotheken trotz Kampf gegen die Kirche

 

Die Schale der Hygieia mit der Schlange wurde ab dem 11. Jahrhundert von Apothekern in Europa als Symbol ihrer Zunft eingeführt.  Aber während des Mittelalters wurden die Pharmazeuten mit religiösem Terror und Kirchenvorwürfen konfrontiert. Sie arbeiteten im Sinne der Wissenschaft und das war für das damalige Christentum ein Dorn im Auge. Die Apotheker und Heilerinnen galten als Sünder und Hexen. Sie mussten deshalb ihr Fachwissen geheim halten, um das eigene Leben zu schützen. Heimlich forschten sie weiter an medizinischen Formeln. Doch viele wurden von der Kirche als Ketzer verbrannt. Trotz aller Herausforderungen überlebte die mittelalterliche Apotheke. Sie wurde zu einer der wichtigsten intellektuellen und wissenschaftlichen Institutionen für die Umwandlung von Kräutern in Heil- und Arzneimittel.

 

Während die Apotheke in Europa lange Zeit mit religiösen und sozialen Unruhen zu kämpfen hatte, wurden Pharmazeuten und Heiler in arabischen Ländern verehrt. Im Jahr 754 wurde in Bagdad die erste Apotheke gegründet. Die arabischen Ärzte und Apotheker waren über viele Jahrhunderte federführend in der Medizin. Sie experimentierten mit der Materia Medica und produzierten erfolgreiche Lebenselixiere. Für sie ging es immer um die Frage, wie es möglich sei, das Leben zu verlängern. Die europäischen Apotheker formten sich wie erwähnt erst im 12. Jahrhundert. Ihr Wissen basierte zum großen Teil auf der arabischen Heilkunde.

 

Die Apotheke auf dem Weg in die Moderne

 

Die Apotheker haben viel erfunden, bevor die Wissenschaft sie einholte. Bis zum Jahr 1100 wurden Medikamente vorwiegend auf Grundlage von Erfahrung und gutem Gefühl hergestellt. Im späten Mittelalter fingen Apotheker und Ärzte allerdings an, gemeinsam zu forschen und zusammenzuarbeiten. Sie entwickelten Medikamente, testeten diese und überprüften die Ergebnisse. Zudem kombinierten sie verschiedene Zutaten. Sie waren für die Geburt der modernen Medizin und Apotheke verantwortlich.

 

Die Schale der Hygieia wurde im Jahr 1796 zum Symbol der Pariser Gesellschaft für Pharmazie. Zudem wurde der berühmte hippokratische Eid eingeführt der mit diesem Schwur beginnt: „Ich schwöre bei Apollo dem Arzt, bei Äskulap, dem Gott der Medizin und seinen beiden Töchtern Hygieia, der Göttin der Gesundheit und Panakeia, der Göttin der Heilung...“ Dieser Eid war ein ursprünglich in griechischer Sprache verfasstes Arztgelöbnis. Er gilt als erster grundlegender Schwur ärztlicher Ethik, und wird bis heute verwendet. Es gibt Gelehrte, die behaupten, dass dieser Eid nicht nur von Hippokrates, sondern auch von den Anhängern des Pythagoras geschrieben wurde.

 

Die moderne Apotheke ist ein Kampf. Der Kampf moralisch und ethisch und gleichzeitig profitabel zu sein. Es gibt viele großartige Apotheker, die äskulapische Träume leben, aber es gibt auch diejenigen, denen es nur um Geld geht. Die ersten bringen uns den Geist der tapferen Alchemisten des Mittelalters und der Antike, die zweiten erinnern uns daran, dass das Böse niemals aufgeben wird. Die Schlange als Symbol soll also an die Aufgabe der Apotheker erinnern – nämlich für Heilung und ein längeres Leben zu sorgen.

 

Quelle: linkedin.com

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